Brache

– work in progress 2022 – English version see below –

(video coming soon)

In der Komposition Stadt stellt die urbane Brache so etwas wie eine Pause dar – ein Areal in Wartestellung, das weitestgehend sich selbst überlassen ist, sich ausruhen darf, eine planerische Leerstelle im städtischen Gefüge, die solange existiert, bis ihr eine (andere) Funktion zugewiesen wird. Bei genauer Betrachtung dieser Leerstelle wird deutlich, dass diese – gerade weil sie in Ruhe gelassen wird – so ereignisreich und gefüllt ist, dass sich nur schwerlich von einem „Nichts zwischen dem Etwas“ sprechen lässt. Tatsächlich sind urbane Brachflächen Räume ständiger Transformation und – wie Tanz auch – flüchtig sowie im Hinblick auf Flora und Fauna so artenreich und vielfältig wie kaum ein anderes Areal im Stadtraum. Zudem übernehmen diese häufig nicht bis wenig versiegelten Freiflächen eine Kühlfunktion innerhalb der Stadt und sind daher nur scheinbar nutzlos.

Menschliche Anwesenheit ist an dieser Stelle völlig hinfällig. Wie also kann ich mir die Brache tänzerisch aneignen, mich in sie einschreiben, ohne in sie einzugreifen? Oder besser gefragt: Wie kann sich die Brache in mich einschreiben?

Während ich mich selbst brach lege, trete ich in die Transitzone der Gastropoden ein, nutze Wegenetz, Blickwinkel und Aktionsradien der hier lebenden Kleinsttiere und Pflanzen, werde zur Beobachtenden, spinne mich ein in die Soundanatomie des Areals, grase im Kriechtiertempo das Gelände ab und (ver)wachse über die Jahreszeiten mit dem Phänomen urbane Brache.

In einer turbokapitalistischen Gesellschaft wird die tänzerische Auseinandersetzung mit städtischen Brachflächen gleichsam zu einem Plädoyer für mehr Leerstellen, Absichtslosigkeit, gesellschaftliches Brachliegen, in Ruhe gelassen werden und für mehr Vielfalt!

In the city composition, the urban wasteland represents a pause – an area on hold, largely left to itself, allowed to rest, a planning void in the urban fabric that exists until it is assigned a (different) function. A closer look at this empty space reveals that its being left alone is precisely what makes it richly eventful, to the point that it is difficult to speak of a „nothing between the something“. In fact, urban wastelands are ephemeral spaces of constant transformation, just like dance. They also host a more diverse variety of flora and fauna species than probably any other area in the city space. In addition, these areas, which are often open or only slightly closed off, have a cooling function in the city and are therefore more useful than they seem.

Human presence appears completely redundant on these sites. So how can I appropriate wasteland by means of dance, inscribe myself in it without actually intruding upon it?
Or rather, how can the wasteland inscribe itself on me?
Currently feeling like a wasteland myself, I enter the transit zone of the gastropods, use the network of paths, perspectives and action radii of the smallest animals and plants living here, become an observer, weave myself into the sound anatomy of the area, peruse the terrain at a crawling pace and (over)grow through the seasons together with the phenomenon of fallow urban lands.

In a turbo-capitalist society, engaging with urban wastelands by means of dance becomes, as it were, a plea for more empty spaces, purposelessness, social fallowing, diversity and being left in peace!

Brache&Beton ist gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland.

©susaso 2022